Der arme Staat in Not? Zur Konfliktgeschichte der Zwangsanleihe im Deutschen Reich

Nach dem Ersten Weltkrieg stand die Weimarer Regierung vor der Herausforderung, sowohl die politischen als auch die ökonomischen Kriegsfolgen zu bewältigen. Neben dem institutionellen Aufbau einer parlamentarischen Republik und der Durchsetzung des steuerstaatlichen Unitarismus gehörten dazu der Abbau der Kriegsschulden und die Aufbringung der Reparationsleistungen. Die Frage der deutschen Staatsfinanzierung wurde daher zu einem Kristallisationspunkt nationaler wie internationaler Verteilungskonflikte; Finanzpolitik war Innen- und Außenpolitik zugleich. Argumentationsfiguren des Ausnahmezustands spielten für den Umgang mit diesen diversen Herausforderungen eine hervorgehobene Rolle, denn in ihnen perpetuierten sich Erfahrungen mit Ermächtigungsgesetzen und Notstandspraktiken während des Krieges. Auch die sogenannte Zwangsanleihe von 1922 für Besitzer hoher Vermögen überlagerte einen längerfristig angelegten Steuerkompromiss durch eine kurzfristige autoritäre Maßnahme. Ursprünglich angeregt von der Reichsbank und der politischen Rechten, durchgesetzt dann als symbolpolitischer Deal mit der Linken signalisierte sie für Beobachter im In- und Ausland den fiskalischen Bankrott und die mangelnde Kreditwürdigkeit des Deutschen Reiches. Finanzwirtschaftlich verpuffte dieser Eingriff aufgrund der Inflation weitgehend.

Die Kontroverse um die Weimarer Zwangsanleihe zeigt exemplarisch auf, welchen mehrdeutigen Abhängigkeitsverhältnissen Entscheidungen über Staatsabgaben in Krisenmomenten unterliegen. Eine Antwort auf die Frage, ob solche Entscheidungen als Ausdruck staatlicher Macht oder Ohnmacht zu begreifen sind, ist daher nur unter Berücksichtigung ihrer sich rasch wandelnden historischen Resonanzräume zu finden.

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