Die «(De-)Kolonisierung» des weiblichen Körpers: Vom Recht auf Abtreibung zum Recht auf Schwangerschaft in der schweizerischen Frauenbewegung (1970–1990)

8. März 1986: Am internationalen Tag der Frau wird in Zürich eine Broschüre verteilt, die mit dem Slogan schliesst: «Gegen den Zwang zur Mutterschaft: Recht auf Abtreibung! Gegen den Zwang zur Abtreibung: Recht auf Schwangerschaft, Recht auf alle Kinder!» Die Frauengruppe, die für die Broschüre zeichnet, solidarisiert sich darin unter anderem mit Frauen im Trikont und prangert die von westlichen Organisationen und Pharmafirmen unterstützten Familienplanungsprogramme als neokoloniale Angriffe auf den weiblichen Körper an.

Diese Form der Thematisierung von Mutterschaft und Schwangerschaft verweist auf eine Verlagerung innerhalb der feministischen Auseinandersetzung rund um Sexualität und Schwangerschaft: War es Anfang der 1970er-Jahre der Slogan «Mein Bauch gehört mir» respektive «Our Bodies Ourselves», mit dem Feministinnen an unterschiedlichen Orten der Welt, auch in der Schweiz, den straflosen Schwangerschaftsabbruch und die Selbstbestimmung über den eigenen Körper und die eigene Sexualität forderten, so war es in den 1980er-Jahren – mit Blick auf die feministischen Kämpfe gegen bevölkerungspolitische Interventionen im globalen Süden – zunehmend die Verteidigung des Rechts auf Schwangerschaft, die die autonome Frauenbewegung in der Schweiz beschäftigte und die die Bewegung mit Feministinnen in Asien, Lateinamerika, Nordamerika, Afrika und Europa verband. Interessant ist, dass in beiden Debatten der weibliche Körper als ein kolonisierter begriffen wurde, dessen Rückeroberung die Aufgabe der feministischen Bewegung sei.

Der Beitrag beleuchtet diese Bewegung von der Forderung nach dem Recht auf Abtreibung hin zur Forderung auf ein Recht auf Schwangerschaft und fragt nach den unterschiedlichen Analysen und Forderungen rund um die «(De-)Kolonisierung» des weiblichen Körpers.

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