Eigensinn zwischen Staat, Religion, Wissenschaft und Geschlecht? Administrative Versorgungen als Sonde gesellschaftlicher Machtstrukturen im Kanton Zug

Gemäss liberaler Tradition garantierte der schweizerische Bundesstaat seit seiner Konstitution seinen Bürgern das Recht auf die persönliche Freiheit. Trotz diesem in der Bundesverfassung garantierte Grundrecht wurde auch im Kt. Zug Bürgerinnen und Bürgern bis weit ins 20. Jh. die Freiheit entzogen, ohne dass sie gegen das geltende Strafrecht verstossen hätten. Was geschieht nun, wenn man dies nicht als Widerspruch liberaler Ideale, sondern vielmehr als Ausdruck gesellschaftlicher Machtstrukturen versteht? Die Administrativen Versorgungen (AV) werden zu einem Gegenstand, durch den sich die Geschichte der Schweiz im 20. Jh. auf verschiedene Arten erzählen liesse: Erstens als Geschlechtergeschichte, wenn betont wird, dass das System auf unterschiedlichen Handlungsspielräumen von Männern und Frauen basierte. Zweitens als Rechts- bzw. Politikgeschichte, wenn gezeigt wird, dass die Praxis der AV von einem zeitspezifischen Staatsverständnis bzw. Rechtsauffassung abhing. Drittens liesse sich eine Geschichte umkämpfter Fürsorge schreiben, wenn gezeigt wird, dass katholische Netzwerke und medizinische Experten ihre Handlungslogik oft einer ökonomischen Pragmatik anpassen mussten, sobald sie ins staatliche Fürsorgekollektiv eingebunden wurden.

Eine mikrogeschichtliche Perspektive macht es möglich, das Zusammenspiel dieser zentraler Felder in den Blick zu bekommen und damit Wandel und Kontinuität in der Praxis der AV auf verschiedenen Ebenen herauszuarbeiten. Dabei werden gesellschaftliche Machtstrukturen freigelegt und sichtbar, inwiefern die AV ein Instrument einer reichen Elite zur Sozialdisziplinierung der ärmeren Bevölkerung war, ob es aus der "Mitte der Gesellschaft" mitgetragen wurde und welche Rolle dabei "eigensinniges" Handeln spielte. Der Beitrag möchte dies anhand des Beispiels des Kt. Zug veranschaulichen.

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