Mehr Zeit für Arbeiterinnen. Der Einsatz des Schweizerischen Arbeiterinnenverbandes (SAV) für frauenspezifische Schutzgesetze

Zwischen 1877 und 1925 wurde die Schweizerische Fabrikgesetzgebung mehrmals reformiert. Zu vielen Diskussionen Anlass gaben in diesem Zusammenhang Gesetzesartikel, die einen spezifischen Schutz für Frauen vorsahen (zum Beispiel eine längere Mittagspause und ein Nachtarbeitsverbot). Diese geschlechterspezifische Gesetzgebung wird von der Geschichtsschreibung gemeinhin als „Sonderschutz“ bezeichnet und deren diskriminierende Wirkung in Bezug auf die Lage von Frauen auf dem Erwerbsarbeitsmarkt wird betont. Bedenkenswert ist allerdings, dass der Schweizerische Arbeiterinnenverband (SAV) und seine Mitglieder vehement für mehr Schutz für Frauen im Fabrikgesetz kämpften. Wie ist das zu erklären?

Dieser Beitrag untersucht, wie spezifische Arbeitsrealitäten die Politik des SAV in Bezug auf das Fabrikgesetz formten. Für die Arbeiterinnenschaft war klar, dass sich die Arbeitsbedingungen von Frauen und Männern wesentlich unterschieden. Frauen arbeiteten mehrheitlich in Branchen, die nicht in Gesamtarbeitsverträgen geregelt waren und hatten darüber hinaus oft einen Haushalt zu versorgen, was ihre Arbeitstage wesentlich verlängerte und die Belastung vergrösserte. Insbesondere die Ressource Zeit, aber auch Geld und Gesundheit, waren ungleich zwischen Frauen und Männern der ArbeiterInnenklasse verteilt. Gesetze, die der Verkürzung der Arbeitszeit und dem Gesundheitsschutz dienten, zuerst für Frauen einzuklagen, war daher aus Sicht der Arbeiterinnen nur gerecht. Für den SAV waren die schlechten Arbeitsbedingungen von Frauen nicht im Grundsatz anders, aber in ihrem ausbeuterischen Charakter deutlich ausgeprägter als diejenigen der männlichen Arbeiterschaft. Aus dieser Perspektive waren Frauen kein Sonderfall, vielmehr waren ihre Lage und Bedürfnisse von durchaus allgemeinem Charakter und ihre Anliegen gehörten ins Zentrum des Klassenkampfes.

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