In die Natur gezwungen? Obdachlose und ihr Verhältnis zur Natur im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts

Obdachlose haben ihre Wohnung selten freiwillig aufgegeben. Seit im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts Lohnarbeit ohne soziale Absicherung im Deutschen Kaiserreich zur Norm wurde, betraf Wohnungslosigkeit verschiedene Gruppen, denen – so könnte man annehmen – ein Leben draussen, ungeschützt vor Natureinflüssen aufgezwungen wurde. Zugleich expandierte jedoch die Obdachlosenfürsorge, die Unterkunftsmöglichkeiten bereitstellte und Alternativen zum Leben unter freiem Himmel bot. Vor diesem Hintergrund fragt das Referat nach Naturwahrnehmungen und -umgangsweisen von Obdachlosen. Diese Fragestellung berührt die Alltagsorganisation der Betroffenen unter differierenden klimatischen Bedingungen, die Romantisierung von einem vermeintlich freien Leben in der «unberührten» Natur sowie die Kriminalisierung dieser Lebensform bis in die 1970er Jahre.

Als ab den 1970ern Obdachlosigkeit und Landstreicherei nicht mehr als Straftatbestände galten, gewann Natur neue Bedeutung im Alltag der städtischen Wohnungslosen – und zwar in Form des Naturimitats Stadtpark. Die Nutzung von Parkanlagen durch Wohnungslose sorgte für Konflikte mit empörten Bürger/innen, Polizei und Stadtbürokratie. Behördliche Wegweisungen von den städtischen Grünflächen zeigen Teilhabegrenzen einer Freizeitgesellschaft auf, für die naturnahe Erlebnisse zur kostbaren Ressource und Sehnsuchtsorten avancierten. Ob das Leben im Park, das die Betroffenen gegen Widerstände verteidigten, eine Alternative zum Leben in der Dominanzgesellschaft bot, wird in einem letzten Schritt diskutiert. Damit schliesst das Referat an die übergreifende Fragestellung des Panels an: Wie strukturierten soziale Ungleichheitsverhältnisse aber auch Widerstände der Betroffenen ihre Naturnutzung und -wahrnehmung vom Zeitalter der Urbanisierung bis in die Freizeitgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts?

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