Animalische Stoffflüsse. Überlegungen zur Technik- und Wirtschaftsgeschichte des nutztierlichen Verwertungskomplexes in der Hochmoderne

Der nicht essbare «Biotrash» von Schlachtvieh wird in den Städten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einerseits zum Entsorgungs- und Emissionsproblem. Anderseits lassen sich die Schlachtnebenprodukte industriell verwerten: Häute, Knochen, Fette, Talg, Klauen, Drüsen und weitere Reste der Schlachtkörper gelangten im Zeitalter der Hochmoderne in der Bekleidungs-, Leim-, Papier-, Druck-, Maschinen-, Kerzen- oder Seifenindustrie, in der Pharmazie, Fett- und Fotochemie, für Baustoffe, als Dünger und Tierfutter zum Einsatz. Bei der Transformation vom Rest zur Ressource wirkten Viehhändler, Schlachter, Veterinäre, Chemiker*innen und Apparatebauer ebenso mit wie Behörden, und gewerblich-industrielle Abnehmer*innen. Einsatzmöglichkeiten, Materialität, Textur und Konjunktur der nutztierlichen Ressourcen unterlagen dabei einem steten Wandel, angetrieben durch Technik, Handel, Kriege und veränderte Nachfrage. Nebst der Konkurrenz durch pflanzliche oder synthetische Stoffe spielen auch Krisen, etwa infolge von Tierseuchen, eine Rolle.

Den einen Ausgangspunkt für die Beobachtung der «animalischen Stoffflüsse», die Aushandlungsprozesse hinsichtlich ihrer Definition und Destination und ihre Regulierung bilden urbane Großschlachthöfe im deutschsprachigen Raum. Eine zweite Perspektive setzt bei Außenhandelsstatistiken an, in denen sich auch interkontinentale Ein- und Ausfuhrwege der animal by-products verfolgen lassen, sowie bei Organisationen wie der Schweizerischen Knochenkonvention oder dem Verband deutscher Häuteverwertungsvereinigungen, die sich um Produktion, Handel und Einsatz nutztierlicher Ressourcen kümmerten.

Das Projekt, das diesem Paper zugrunde liegt, will einen Beitrag zur Commodity-Forschung und zu einer nutztierlichen «Verwertungsgeschichte» leisten und Debatten zur Umweltbilanz und Ethik der Massentierhaltung reflektieren. Es verortet sich an der Schnittstelle von Technik-, Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte.

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