Reichtum im Seewasser. Wohlstand in Zürich vor 1542 im archäologisch-historischen Methodenvergleich

Wie konstituiert sich Reichtum anhand von Ressourcennutzung in den Schriftquellen, wie zeigt er sich innerhalb der Masse an anonymen persönlichen Gegenständen und im Haushalt benutzten Geräten aus archäologischem Fundkontext? Erste Vergleiche zeigen nicht selten eine erstaunliche Differenz zwischen den jeweils nachweisbaren Reichtümern, woraus ersichtlich wird, dass beide Quellengattungen – die Schriftquellen und die archäologischen Objekte - Kontext, Interpretation und nicht zuletzt einen kritischen Vergleich benötigen. Was lässt sich aus den unterschiedlichen Herangehensweisen folgern über den Reichtum von Einzelpersonen und Haushalten in Zürich um diese Zeit; welche (auch quellenkritischen) Konsequenzen ziehen wir daraus?

Konkret wird hier die auf einem Rechnungsbuch sowie einem Inventar beruhende Analyse des Reichtums des spätmittelalterlichen Haushalts von Chorherr Niklaus Münch von 1494-1499 dem nachreformatorischen archäologischen Fundkomplex aus dem Kratzquartier gegenübergestellt. Münch hielt Einkünfte an Korn und Wein aus seiner Pfründe fest, notierte Geld- und Naturalieneinnahmen aus seinem persönlichen Vermögen und rechnete periodisch mit Handwerkern ab für Güter und Leistungen, die er von ihnen bezogen hatte. Beim aufgeschütteten Material hingegen handelt es sich um auch herausragende Gegenstände, die um 1540 als Aufschüttung im Zuge der Süderweiterung der Stadt über die Stadtmauer in den See geworfen wurden.

In diesem nachreformatorischen Fundensemble wird noch ein weiteres Phänomen sichtbar: Die religiöse Neuorientierung bringt nach 1524 neue Bilder mit sich: Die sich vorher durch Gegenstände wie Ofenkacheln mit religiösem Bildprogramm, Rosenkränze oder Muscheln gezeigte Frömmigkeit ist langfristig gesehen so nichts mehr wert. Was vorher von Wissen und einem (auch überpersönlichen) materiellen Reichtum zeugte, wird entsorgt oder umgearbeitet und mit neuen visuellen Inhalten aufgeladen – eine Variante der Vernichtung von Reichtum in seinen vier Manifestationen Ressourcen, Arbeit, Wissen und Macht.

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