„Wie werde ich reich und glücklich?“. Individuelle und kollektive Glückswissenspraktiken am Beispiel der Ratgeberliteratur in den 1930er und 1940er Jahren

Im ersten Teil des Beitrags wird anhand ausgewählter Glücksratgeber und Lexikonbeiträge wissenshistorisch aufgezeigt, wie sich unterschiedliche Konzepte von „Glück“ als Wissenspraktiken einer mehrheitlich individuell gedeuteten Glückskultur der aufstrebenden Mittelschicht im Buchmarkt der Weimarer Republik etablieren konnten.

Im zweiten Teil soll der Wandel einer Glückskultur als individuelle Ratgeberpraxis begriffen hin zu einer kollektiv propagierten Glückspraxis im „Dritten Reich“ wissenshistorisch untersucht werden. Im Rückgriff auf massenpsychologische Studien (u.a. von Gustave Le Bon) und Parolen wie „Kraft durch Freude“ entwickelte die Parteispitze kollektive Glückspraktiken. Das Glückswissen, welches diesen Praktiken zugrunde lag, basierte auf der ideologischen Annahme, dass sich die „Volksgenossen“ mittels gemeinschaftlicher Partizipation an Massenfestspielen, Sportveranstaltungen u.Ä. gezielt emotionspolitisch für die Zwecke der NSDAP mobilisieren liessen. Die NS-Ideologen übten scharfe Kritik am angloamerikanischen Utilitarismus und an der als kapitalistisch und bürgerlich verschrienen Vorstellung eines individuellen Strebens nach Glück und Reichtum („pursuit of happiness“). An deren Stelle trat das prospektive Versprechen eines Erlangens von „totalem“ Glück im Kollektiv einer „rassenreinen“ „Volksgemeinschaft“.

Ein historischer Vergleich von Glücksratgebern und Lexikonbeiträgen aus der Weimarer Republik und der NS-Zeit soll abschliessend die sozialhistorischen Voraussetzungen, Bedeutungen und Effekte von Glückskulturen in den je unterschiedlichen politischen Kontexten untersuchen. Gefragt wird, wie sich die verschiedenen Glückspraktiken voneinander unterschieden und wo sich Überschneidungen aufzeigen lassen?

Zur Beantwortung dieser Fragen werden Begriffe wie Lebensführung, Zufriedenheit, Wohlstand und Glück quellenkritisch analysiert und in den spezifischen historischen Kontext der jeweiligen Glückspraktiken gestellt.

ReferentIn