Kinder-/Reichtum: Feministische Perspektiven auf Sexualität, Mutterschaft und Ökonomie nach 1950

Freitag, 7. Juni
11:15 bis 12:45 Uhr

«Kinder oder keine – entscheiden wir alleine», formulierte die Frauenbewegung der 1970er-Jahre. Fragen der Sexualität, der Schwangerschaft und des Kinderbekommens beschäftigten Feministinnen mindestens seit dem 19. Jahrhundert – und immer ging es ihnen dabei auch um ökonomische Fragen. Das Aufkommen der «Anti-Baby-Pille» (1960) und weiterer hormoneller Kontrazeptiva veränderte die Bedingungen des Kinderbekommens im 20. Jahrhundert radikal. «Kinder oder keine» wurde zu einer Planungsfrage wie nie zuvor. Die entsprechenden feministischen Debatten differenzierten sich aus: Feierten die einen die befreite Liebe und die damit neu gewonnene Selbstbestimmung, formulierten andere eine radikale lesbisch-feministische Kritik an der patriarchalen, heterosexuellen Gesellschaft oder forderten neue Formen familiären Zusammenlebens jenseits der Kleinfamilie. Setzten sich die einen im Namen der Frauenrechte und der Armutsbekämpfung für grossangelegte Familienplanungsprogramme ein, so sahen andere in genau solchen Programmen und den von Pharmafirmen hergestellten Kontrazeptiva eine Re-Kolonisierung des weiblichen Körpers. Gemeinsamer Nenner vieler frauenbewegter Aktivistinnen war schliesslich die Forderung nach dem Recht auf einen straffreien Schwangerschaftsabbruch.

Im gleichen Zeitraum nahm ausserdem unter anderem in der Schweiz die Erwerbstätigkeit von Müttern zu; eine Veränderung, die Vertreterinnen der Neuen Frauenbewegung gefordert und die Tertiarisierung und Neoliberalisierung des Arbeitsmarktes begünstigt hatte. Auch dies wirkte sich auf feministische Wahrnehmungen und Politisierungen der Mutterschaft aus. Sich für eine Berufskarriere und gegen Kinder entscheiden zu können, erschien vielen Frauen als Befreiung aus dem Korsett der «Mutterrolle» und als endliche Realisierung ihrer finanziellen Unabhängigkeit. Derweil zeigten Aktivistinnen der Lohn-für-Hausarbeit-Kampagne und der Welfare-Rights-Bewegung die ökonomische Tragweite der unbezahlten Haus- und Betreuungsarbeit von Müttern auf und machten sich für deren bedingungslose soziale und ökonomische Absicherung stark.

In diesem Panel interessieren wir uns für verschiedene feministische Perspektiven auf den Problemkreis Sexualität, Kinderbekommen und Ökonomie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Weil unterschiedliche Frauen – und auch einige wenige Männer – feministische Ideen und Praktiken entwarfen, wollen wir hier von einer Pluralität der Feminismen ausgehen. Wir fragen danach, wie in unterschiedlicher Weise aus einer feministischen Perspektive die Frage «Kinder oder keine», Fragen weiblicher Sexualität, von Selbstbestimmung und gesellschaftlichem Fortschritt mit Fragen der Macht, der Verteilung und der Gerechtigkeit verbunden wurden.

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