Staatsdiener: Rollenverständnis und gesellschaftliche Ressourcenverteilung im epochenübergreifenden Vergleich

Das Panel widmet sich der Persona des Beamten vom 13.-20. Jahrhundert. Der Fokus liegt auf dem Verhältnis zwischen Beamten einerseits und Reichtum und Armut andererseits. Max Weber hat argumentiert, dass in der Moderne die Trennung von Amt und Amtsinhaber institutionalisiert worden sei. Beamte werden seither als Funktionäre wahrgenommen, die bei der Arbeit kein persönliches Interesse an sozialer Gleich- oder Ungleichheit zeigen, sondern nach allgemeingültigen Normen handeln. Doch wie zutreffend ist diese Behauptung? Anhand von historischen Beispielen aus dem 13.-20. Jahrhundert soll im Panel die Persona des Beamten und deren Einfluss auf soziale Gleichheit- oder Ungleichheit diskutiert werden.

Mit der thematischen Ausrichtung des Panels ergeben sich eine Reihe von Fragen. Ein erstes Fragefeld zielt darauf, wie sich die Persona von Beamten bei der Anwendung von Normen bemerkbar macht. Wie haben Beamte Fragen der Ressourcenverteilung wahrgenommen und welche Rolle spielten dabei Vorstellungen über soziale Gleich- und Ungleichheit? Gab es einen Beamtenethos in Bezug auf Fragen der Regulierung und Verteilung von Ressourcen wie zum Beispiel durch das Erbrecht oder die Besteuerung? Eine weitere Frage kreist darum, wie Beamte konkret Einfluss genommen haben auf die gesellschaftliche Ressourcenverteilung. Welche Rolle spielten Faktoren wie Kultur, Familie oder Religion bei der Amtsführung und konkret bei der Beurteilung materieller und symbolischer Verhältnisse? Welche Denk- und Handlungsmodelle und emotionale Dispositionen lagen Vertragsformeln oder Rechtssprüchen zugrunde? Und wie haben Beamte soziale Gleichheit oder Ungleichheit nicht nur vermittelt, sondern auch bewusst mitgestaltet?

Ziel des Panels ist ein epochenübergreifender Vergleich von Bürokratisierungs- und Verrechtlichungsprozessen in den Ländern des heutigen Europa. Im Kontext der Kommerzialisierung, Monetisierung und Urbanisierung während des 12.-13. Jahrhunderts wurden Beamte wie Notare, Anwälte und Richter zu einer einflussreichen Gruppe, insbesondere auch im südlichen Teil Europas. In den folgenden Jahrhunderten nahm ihr Einfluss weiter zu, was vor allem auf die Staatenbildung und das damit verbundene Monopol auf physische und symbolische Gewaltausübung zurückzuführen ist. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden Staatsbeamte dann zentrale Akteure im Kampf um den Erhalt gesellschaftlicher Machtverhältnisse.

Die Frage nach dem Verhältnis von Beamtenrolle und Ressourcenverteilung ermöglicht es, eine Reihe von Forschungsansätzen miteinander ins Gespräch zu bringen: Rechts- und Bürokratiegeschichte, Politik- und Kulturgeschichte, historische Anthropologie, Emotionsgeschichte, Familien- und Religionsgeschichte. Der epochenübergreifende Vergleich soll im Vordergrund stehen.

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