„Geld macht nicht glücklich“. Wissenskulturen des Glücks in historischer Perspektive

In seiner State of the Union Address im Januar 1970 verkündete Richard Nixon, der Reichtum der Amerikaner werde in den nächsten zehn Jahren um 50 Prozent zunehmen. Dieser vom Wachstumsoptimismus der 1960er Jahre geprägten Prognose fügte er jedoch – deutlich weniger optimistisch – die Frage hinzu: „Does this mean we will be [...] 50 percent happier?“. Die Antwort lieferte Nixon gleich selbst, als er klarstellte, dass mehr Reichtum keineswegs zu mehr Glück führen müsse. Der amerikanische Präsident bezog sich hier auf einen alten Topos, der in der Redewendung „Geld macht nicht glücklich“ kondensiert zum Ausdruck kommt. Er füllte diese alte Formel aber mit zeitgenössischen Diskursen, die um Themen wie Umweltschutz und Kriminalität sowie um Fragen nach den Grenzen der Wohlstandsgesellschaft kreisten.

Um Begriffe wie Lebensqualität, Zufriedenheit, Well-being und Glück entstanden seit Ende der 1960er Jahre Wissenskulturen, die darauf abzielten, Alternativen zu rein ökonomischen Leitzielen von Wachstum und materieller Prosperität zu finden. Internationale Organisationen entwickelten Lebensqualitätsstatistiken, Regierungskommissionen suchten nach Möglichkeiten eines „balancierten Wachstums“ und Sozialwissenschaftler erforschten die Bedingungen von Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit und Glück. Diese Wissenskulturen des Glücks standen in einem Spannungsverhältnis zum aufsteigenden Neoliberalismus, der zwar erklärt, jeder sei seines Glückes Schmied, sich aber gerade deshalb wenig für die Voraussetzungen von Glück interessiert, wie der Philosoph Dieter Thomä konstatiert. Dass Glücks- und Lebensqualitätsindikatoren jedoch bald zu einem Vehikel der Standortkonkurrenz und zur Grundlage von ökonomischen Kosten-Nutzen-Analysen avancierten, deutet auf Ambivalenzen hin, die es historisch zu untersuchen gilt.

Die Geschichte des Glücks ist bisher vor allem als Ideengeschichte erzählt worden, die den Höhenkamm des westlichen Bildungskanons fokussiert. In unserem Panel wollen wir demgegenüber HistorikerInnen zusammenbringen, die mit wissenshistorischen Ansätzen die sozialen, politischen und epistemischen Voraussetzungen und Effekte unterschiedlicher Glückskulturen untersuchen. Wie wandelten sich die Wissenskulturen des Glücks historisch? Welche sozialen und politischen Bedeutungen erhielt dieses Glückswissen? Inwiefern wurde der Topos, dass Reichtum nicht glücklich mache, aktualisiert, umgeformt oder in Zweifel gezogen? Welche Konzepte von Glück und Reichtum standen sich dabei gegenüber? Die spannungsvollen Beziehungen zwischen den Wissenskulturen des Glücks einerseits und dem Wohlstandsparadigma und dem Streben nach ökonomischem Reichtum andererseits wurden im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts besonders deutlich. Für eine Wissensgeschichte des Glücks ist es aber wichtig, hier eine Offenheit zu ermöglichen. Unser Panel lädt deshalb zu Beiträgen ein, die sowohl die Zeitgeschichte als auch weiter zurückliegende historische Konstellationen in den Blick nehmen.

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