Symbolisches Kapital und museale Repräsentation jüdischer Geschichte. Zur Sammlungsgeschichte eines kulturellen Reichtums mit fragiler gesellschaftlicher Legitimität (Arbeitstitel)

Öffentliche historische Museen in der Schweiz sammeln, bewahren und zeigen das kulturelle Erbe eines spezifischen politischen Raumes, von der Kommune über die Kantone bis zum Bundesstaat. In diesem Rahmen werden seit rund 120 Jahren gesellschaftliche Verhältnisse museologisch reflektiert und diskutiert, und zwar auf der Basis von Sammlungen, die bis in die 1980er Jahre mit Interesse an Herrschaftsfragen und Kunsthandwerk aufgebaut und erweitert worden sind. Diese Sammlungen repräsentieren in erster Linie die Mehrheitsgesellschaft.

Erst seit kurzem bemühen sich historische Museen in der Schweiz vereinzelt auch um das kulturelle Erbe von Minderheiten wie der jüdischen Bevölkerung. Dennoch ist in diesen Häusern über jüdische Geschichte vergleichsweise wenig zu erfahren.(1) Entsprechend fehlen den öffentlichen historischen Sammlungen, wenn sie heute die Geschichte der Juden und Jüdinnen in der Schweiz anhand von Hinterlassenschaften vermitteln wollen – abgesehen von vereinzelt sakralen Artefakten – die kulturhistorisch einschlägigen und gesellschaftlich relevanten Objekte. Dieser Umstand ist einer Sammlungsgeschichte geschuldet, die bis zur Ausbildung der Sozialgeschichte in den 1970er Jahren das reiche jüdische Kulturgut mehrheitlich ignorierte.

Im Gegensatz zu den öffentlichen historischen Museen bauten private Sammler in der Schweiz in den letzten vier Jahrzehnten namhafte Judaica-Sammlungen auf. Einschlägige Beispiele dafür sind die beiden Privatsammlungen von René Braginsky und David Jeselsohn in Zürich. Die Braginsky Collection ist die weltweit grösste Privatsammlung jüdischer Buchkunst und hebräischer Handschriften. Die Sammlung Jeselsohn zeichnet sich aus über Artefakte zur jüdischen Geschichte mit Verbindung zum östlichen Mittelmeerraum sowie zur Geschichte Israels. Diese Sammlungen repräsentieren einen Reichtum in Form von geistigen und kunsthandwerklichen Werten. Die privaten Sammler gewährleisten mit persönlichem Engagement, Expertise und enormen Mitteln die Sicherheit und die Konservierung jüdischen Kulturgutes. Dass das öffentliche Interesse an solchen Sammlungen gross ist, zeigte die Ausstellung «Schöne Seiten. Jüdische Schriftkultur aus der Braginsky Collection» im Landesmuseum Zürich 2011 eindrücklich. Sonderausstellungen haftet aber etwas Flüchtiges an, während private Sammlungen für die Öffentlichkeit ganz grundsätzlich kein sicherer Wert sein können.

Die beiden Sammlungsgeschichten – öffentlicher historischer Museen einerseits und privater Judaica Sammlungen andererseits – sind geprägt von einer stetigen De- und Relegitimierung des kulturellen Reichtum des Judentums. In dem das Panel die Geschichten dieser Sammlungen zueinander in Bezug setzt, sollen sowohl das christlich-jüdische Verhältnis in der Schweiz in Blick genommen, als auch die Bedingungen der Wertschöpfung der jeweiligen Sammlungspraktiken reflektieren werden.

(1) Eine Ausnahme bildet das Jüdische Museum in Basel, das sich auf private Initiative mit finanziell und räumlich beschränkten Mitteln ausschliesslich um die jüdische Geschichte bemüht.

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