Symbolisches Kapital und museale Repräsentation jüdischer Geschichte. Zur Sammlungsgeschichte eines kulturellen Reichtums mit fragiler gesellschaftlicher Legitimität

Donnerstag, 6. Juni
09:15 bis 10:45 Uhr

Öffentliche historische Museen in der Schweiz sammeln, bewahren und zeigen das kulturelle Erbe eines definierten politischen Raumes, von der Kommune über die Kantone bis zum Bundesstaat. In diesem Rahmen werden seit rund 120 Jahren gesellschaftliche Verhältnisse museologisch reflektiert und diskutiert, und zwar auf der Basis von Sammlungen, die bis in die 1980er Jahre mit Interesse an Herrschaftsfragen und Kunsthandwerk aufgebaut und erweitert worden sind. Diese Sammlungen repräsentieren in erster Linie die Eliten einer Mehrheitsgesellschaft.

Seit den 1980er Jahren vermitteln viele kulturhistorische Museen ein breiteres und diverseres Geschichtsbild. Dabei versuchen sie auch jüdischen Geschichte sowie die christlich-jüdischen Beziehungen – Emanzipation oder Antisemitismus – zu thematisieren. Das gelingt jedoch oft nur bedingt. Wollen sie nämlich heute die Geschichte der Juden und Jüdinnen anhand von Hinterlassenschaften vermitteln, fehlt es ihnen – abgesehen von vereinzelt sakralen Artefakten – an kulturhistorisch einschlägigen und gesellschaftlich relevanten Objekten. Dieser Umstand ist einer Sammlungsgeschichte geschuldet, die das reiche jüdische Kulturgut systematisch ignorierte. Im Gegensatz zu den angeblich allgemeinen historischen Museen haben jüdische Spezialmuseen immer schon zur jüdischen Kultus- und Kulturgeschichte gesammelt. Damit stossen sie in der Gesellschaft des 21. Jh. auf deutlich breiteres Interesse.

Was aber bedeutet dieses Nebeneinander von vermeintlich allgemeinen und sogenannten Spezialmuseen? Wie kam die Rollenteilung zu Stande und mehr noch: Welches Geschichtsbild wird darüber vermittelt? Gilt es den Austausch zwischen den musealen Traditionen zu intensivieren? Kann und soll das Sammlungsgut beider Seiten stärker zirkulieren? Vermag die Zirkulation der Dinge die Vorstellungen vom allgemeinen historischen und vom speziellen jüdischen Museum effektiv aufzuweichen?

Die Sammlungsgeschichten der „historischen Museen“ einerseits und der „jüdischen Museen“ andererseits sind geprägt von einer stetigen De- und Relegitimierung des kulturellen Reichtums des Judentums. In dem das Panel die Geschichten dieser Sammlungen zueinander in Bezug setzt, sollen sowohl das christlich-jüdische Verhältnis in der Schweiz und in Europa in den Blick genommen, als auch die Bedingungen der Wertschöpfung der jeweiligen Sammlungspraktiken reflektieren werden.

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