Stillarbeit zwischen Reichtum und Prekarität: Ökonomien der Frauenmilch (17.–19. Jahrhundert)

Die Ernährung von Säuglingen mit Frauenmilch war vor der Etablierung kuhmilchbasierter Babynahrung im ausgehenden 19. Jahrhundert mehr oder weniger alternativlos. Die zeitintensive Arbeit des Stillens wurde aber keineswegs nur von Müttern, sondern oft auch von Ammen verrichtet. Dabei stillten sozial weniger gut gestellte Ammen die Kinder reicherer Frauen gegen eine Entlohnung, wobei letztere je nach den ökonomischen Verhältnissen der beteiligten Akteure unterschiedlich ausfiel: Während eine Amme vor den Toren von Paris mit dem Stillen eines Kindes aus einer städtischen Handwerkerfamilie lediglich ein bescheidenes Einkommen erwirtschaftete, konnte das Einkommen der Amme eines Thronfolgers Status und materielle Verhältnisse ihrer Familie massgeblich verbessern und im besten Falle über Generationen sichern.

Das Panel nimmt Formen der Stillarbeit in den Blick und beleuchtet die ökonomischen Beziehungen, die sich um die Frauenmilch formierten, aus körper- und geschlechtergeschichtlicher Perspektive. Es knüpft dabei an das neu erwachte Interesse an der Geschichte der Laktation der letzten Jahre an, von dem u.a. die im Rahmen des SNF-Synergia-Projekt „Lactation in History“ entstandenen Forschungen zeugen. Zeitlich fokussiert das Panel mit dem 17. bis 19. Jahrhundert auf eine Epoche, in der Konzeptionen von Kindheit, Mütterlichkeit und Laktation einem radikalen Wandel unterworfen waren.

Die Beiträge des Panels fokussieren auf verschiedene Akteure, die an der Stillarbeit und den ökonomischen Beziehungen rund um die Frauenmilch beteiligt waren. Zu fragen ist hier sowohl nach der agency der verschiedenen involvierten Frauen (Mütter, Ammen, Vermittlerinnen auf den Milchmärkten) sowie nach der Rolle weiterer Akteure innerhalb und ausserhalb der Familie (Väter, Grosseltern, Ärzte und männliche Vermittler). Gefragt werden soll ausserdem danach, wie im Zuge der Medikalisierung und der Entstehung neuer bürgerlicher Normen der stillende Frauenkörper zu einem „öffentlichen Ort“ wurde (Barbara Duden) und dass im Verlaufe des 18. Jahrhunderts die Gesundheit des Neugeborenen zunehmend durch das Prisma seiner Beziehung mit seiner stillenden Mutter gesehen wurde.

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