Reich durch Ämter (15.–21. Jhd.). Ämterbewirtschaftung zwischen Ressource und Korruption

Donnerstag, 6. Juni
11:15 bis 12:45 Uhr

Wie eng der Zusammenhang zwischen Reichtum und dem Zugang zu staatlichen Ämtern ist, verdeutlichen zahllose Beispiele von spätmittelalterlichen Aufsteigern wie Hans Waldmann über lokale Dorfkönige und alt BundesrätInnen mit lukrativen Verwaltungsratsmandaten bis hin zur Orbán-Familie. Umso erstaunlicher ist, wie unterschiedlich die Verschränkung von Reichtum und Macht in spezifischen Kontexten bewertet und gehandhabt wurde und wird. Ist dieser Umstand inhärenten Idealen moderner Staatlichkeit geschuldet, wonach Amtsausübung keine Quelle persönlicher Bereicherung sein darf? In Spätmittelalter und Früher Neuzeit jedenfalls haben nicht nur europäische Fürsten, sondern auch Gemeinwesen die Besetzung ihrer Chargen mittels institutioneller Formen des Ämterkaufs organisiert. Auch der Fürst, in der Gestalt eines Alleinherrschers oder Kollektivs, partizipierte an den erwarteten Erträgen eines Amts.

Heutzutage gilt der Reichtum von Amtsleuten als Ausweis für Effizienz und Professionalität in der Privatwirtschaft. Oligarchen machen Wahlkampf mit ihrem Vermögen, das sie für hohe Posten qualifiziere und gegen Korruption immunisiere. Politischer Einfluss wird als Folge von Reichtum gesehen.

Wirkt hier Max Webers Herrschaftssoziologie stillschweigend weiter? Er entwickelte auch am Beispiel der Alten Eidgenossenschaft ein Konzept der Honoratiorenherrschaft. Diese beruht auf der Abkömmlichkeit von Honoratioren, die dank ihres Vermögens nebenberuflich einer nicht oder nur wenig entlöhnten Amtstätigkeit nachgehen können. Weber verstand Reichtum als Voraussetzung für die Einnahme von Herrschaftspositionen, nicht aber als Folge von Macht. Seine Honoratioren sind immer schon reich. Zudem ermöglicht die seit der Frühen Neuzeit voranschreitende Ausbildung rationaler Bürokratien die Entflechtung von familiärem und staatlich-amtlichem Besitz. Weber entkoppelte also ökonomische Interessen vom Staat, begriff Ämter aber dennoch als Schnittstelle zwischen Staatswesen und Gesellschaft. Als Hotspot, wo Steuerauflagen, Gesetze und andere Ordnungsvorstellungen in Verwaltungshandeln übersetzt werden und deshalb anfällig für fragwürdige Praktiken sind.

Das Panel möchte an der Vorstellung rütteln, dass Reichtum im modernen Staat nur Voraussetzung, nicht aber Folge amtlicher Tätigkeiten sein könne. Hierzu gehört auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Erzählung, wonach im heutigen Westen – abgesehen von einzelnen Ausnahmen, welche die Zuschreibung korrupt verdienten – die Separierung von Staat, Wirtschaft und Sozialem als Ergebnis von Modernisierungsprozessen verwirklicht sei. So ist epochenübergreifend zu fragen, welche Trennlinien zwischen staatlichem und individuellem Besitz im Rahmen von Korruptionsdiskursen entworfen werden und welche kulturellen Normen sich fassen lassen. Welche Modelle von „richtiger“ Amtsführung und Staat formt das Reden über Korruption? Und welche sozial akzeptierten Möglichkeiten der Bereicherung bieten Ämter einzelnen AkteurInnen?

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